Auf einen Blick
- Familientradition im Motorsport: Das österreichische Team Lechner Racing zählt zu den erfolgreichsten Rennställen der Porsche-Markenpokalgeschichte und prägt den Porsche Mobil 1 Supercup seit Jahrzehnten mit.
- Talentschmiede für Porsche: In den Markenpokalen lernen Nachwuchsfahrer unter identischen technischen Bedingungen ihr Handwerk. Zahlreiche Porsche-Junioren und spätere Champions durchliefen die Schule von Lechner Racing.
- Erfolg durch Erfahrung und Teamgeist: Die Brüder Walter und Robert Lechner führen das Familienunternehmen heute in zweiter Generation und verbinden Motorsport auf höchstem Niveau mit einer ausgeprägten familiären Unternehmenskultur.
Das Pink der drei 911 Cup der neuesten Generation mit den Startnummern 1, 2 und 3 durchbricht das klinische Weiß der Halle. Selbst der Boden ist makellos: keine Ölflecken, keine Fingerabdrücke an den Werkzeugkästen – als hätte hier noch nie jemand gearbeitet. Und doch spürt man Wärme im Raum: Walter Lechner nippt an seinem Kaffee, begrüßt jeden Mitarbeiter, schüttelt Hände, wechselt ein paar Worte. Für manche mag es der Beginn eines gewöhnlichen Arbeitstages sein. Für den Geschäftsführer, Teamchef und Technikverantwortlichen bei Lechner Racing ist es jeden Tag etwas Besonderes, die Familientradition mit der Marke Porsche fortzuführen. Sein Bruder Robert, ebenfalls Geschäftsführer und Teamchef mit der sportlichen Verantwortung, ist auch schon im Büro. Um 9.11 Uhr beginnen traditionell die ersten Meetings im Hause Lechner – ein Symbol ihrer Leidenschaft. „Wenn es mich nicht mehr emotional bewegen würde, morgens die Autos in der Werkstatt zu sehen, dann könnte ich auch etwas anderes machen“, erklärt Walter Lechner.
50 Jahre gelebte Geschichte
Diese Einstellung zahlt sich aus. Lechner Racing ist mit zehn Fahrer- und 13 Teamtiteln im Porsche Mobil 1 Supercup, der Speerspitze der Markenpokalserien von Porsche, das erfolgreichste Team in der Geschichte. Das Besondere an Markenpokalen: Alle treten mit identischen Fahrzeugen an. Kaum ein anderer Rennstall hat den Mobil 1 Supercup so geprägt wie die Österreicher; hier wird auf Formel-1-Niveau gearbeitet. Erfolg kann auch kühl, fast unnahbar wirken. In Thalgau, nahe Salzburg, wo das Unternehmen zwischen saftigen Wiesen, Fuschlsee und Mondsee im Salzkammergut seine Heimat hat, erzählt er eine andere Geschichte: eine von Nähe, von Familie und von mehr als 50 Jahren gewachsener Tradition.
Walter Lechner senior, in den 1970erJahren Disco- und Kaffeehausbesitzer, absolvierte als Quereinsteiger einen Kurs der berühmten Jim Russell Racing Drivers School. Daraufhin gründete er 1975 seine eigene Rennfahrerschule und wurde zu einem erfolgreichen Sportwagenpiloten und Teameigner.
Seine Ausbildung im Formel-Rennsport genossen berühmte Namen wie Stefan Bellof, Toto Wolff oder Alexander Wurz – und seine Söhne Robert und Walter. Als Letzterer vor dem Wechsel in den GT-Sport stand, holte man bei verschiedenen Teams Angebote ein. Die Reaktion des Vaters: „Das machen wir selbst.“ So schrieb Lechner Racing im Jahr 2003 mit Walter junior das erste Kapitel in der Supercup-Historie, der erste Titel folgte zwei Jahre später mit Alessandro Zampedri.
Talent statt Materialschlacht
Seit 1993 ist der Supercup im Rahmen der Formel-1-Rennwochenenden auf Strecken wie der von Monaco, Spa-Francorchamps und Monza vertreten – aktuell mit acht Läufen. Der Ursprung der Idee, Talent statt Material entscheiden zu lassen, reicht jedoch weiter zurück. 1986 schuf Porsche mit dem 944 Turbo Cup eine Serie nach dieser Philosophie: gleiche Autos, gleiche Bedingungen, die Rennstrecke als Prüfstand für Technik. 1990 folgte mit dem 911 Carrera 2 der nächste Schritt: Der Carrera Cup Deutschland löste den 944 Turbo Cup ab. Unter der Leitung von Herbert Linge und Jost Capito wurde das Konzept so erfolgreich, dass es inzwischen 35 Porsche-Markenpokale mit mehr als 800 Fahrern in über 30 Nationen gibt. Sie treten mit technisch identischen Fahrzeugen an – ganz im Sinne der Porsche-Philosophie, Motorsport und Serie so eng wie möglich zu verzahnen. Kein Rennwagen wurde häufiger gebaut als der 911 Cup. Auch die neueste Generation basiert auf den straßenzugelassenen 911-GT-Fahrzeugen und verfügt über den 382 kW (520 PS; 911 GT3 (WLTP)*: Kraftstoffverbrauch kombiniert: 13,8 – 13,7 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 312 – 310 g/km; CO₂-Klasse: G) starken 4,0-Liter-Saugmotor aus dem 911 GT3.
Die Markenpokale sind ein grundlegendes Element der Motorsportpyramide bei Porsche und ein wichtiger Baustein in der Ausbildung junger Talente. Hier erhalten Nachwuchsfahrer das Handwerkszeug, das sie brauchen. „Im Cup-Auto lernst du durch die extrem hohe Leistungsdichte aufgrund desselben Materials, maximal ans Limit zu gehen“, erklärt Walter Lechner, der inzwischen in seinem Büro im ersten Stock sitzt und auf die Werkstatt hinunterschauen kann. „Wenige Zehntelsekunden entscheiden, ob du Erster oder 17. bist. Du musst es beherrschen, die Reifen im richtigen Temperaturfenster und mit dem passenden Luftdruck zwei Runden fehlerfrei zu bewegen. Das lernst du auf diesem Niveau eigentlich nur im Cup-Auto.“ Man müsse mehr als 100 Prozent geben, mit dem „Messer zwischen den Zähnen“ fahren. „Das schult dich so, dass du auch in anderen Serien gewohnt sein wirst, alles zu geben.“ Nur wenige Parameter wie Spur, Sturz oder Flügeleinstellung – also die Feinabstimmung des Autos – sind veränderbar. Dadurch rücken die Fahrer stärker in den Fokus als in anderen Serien.
Die Markenpokale
Porsche Mobil 1 Supercup • Porsche Carrera Cups • Porsche Challenges • Porsche Trophies
515 Markenpokalsaisons seit 1990
35 Markenpokale im Jahr 2025
31 Länder
819 Fahrer im Jahr 2025
5 Kontinente
840 Rennfahrzeuge im Jahr 2025
Weitere Informationen zu den Markenpokalen finden Sie hier.
Es überrascht also nicht, dass die von Porsche ausgewählten Talente im offiziellen Junior-Programm traditionell die Schule der Markenpokale durchlaufen. Sie bilden das Fundament, auf dem Porsche seit Jahrzehnten seine Nachwuchsarbeit aufbaut – mit einem klaren Ziel: Fahrer nicht nur schneller zu machen, sondern sie auf dem Weg zum Profi und zum Repräsentanten der Marke zu begleiten.
Nachwuchsarbeit als DNA
In den vergangenen Jahren drückten die Junioren oft bei Lechner Racing die Schulbank. 2014 war der Amerikaner Connor De Phillippi der Erste, 2016 holte Sven Müller den Titel im Mobil 1 Supercup mit Lechner und 2023 gelang dem Dänen Bastian Buus dasselbe Kunststück. Dazwischen saßen unter anderem der spätere DTM-Champion Thomas Preining und der aktuelle DTM-Meister Ayhancan Güven bei Lechner hinter dem Steuer. In der abgelaufenen Saison war der Porsche-Junior Marcus Amand für die Österreicher am Start. Der Name des 20-jährigen Finnen prangt bereits auf dem pinken Elfer mit der Startnummer 2. „Die Nachwuchsarbeit war seit der Gründung des Teams schon immer Teil unserer DNA“, sagt Robert Lechner. Erst vor wenigen Tagen besuchte der Australier Caleb Sumich, der im 911 Cup mit der Nummer 3 startet, den Firmensitz. Bei Mutter Christine Lechner saß er mit Robert und Walter am Mittagstisch und bekam Schnitzel serviert. Wer bei Lechner Racing fährt, wird automatisch Teil der Familie. Das ist womöglich der Grund dafür, dass der Draht zu allen Junioren noch immer gut ist.
„Sie kommen alle topqualifiziert und als Siegertypen zu uns, denn sonst wären sie ja nicht als Porsche-Junioren ausgewählt worden“, erzählt Robert. „Wir nehmen dann oft ein bisschen die Rolle des großen Bruders ein. Und manchmal die eines Psychologen.“
Besonders macht die Arbeit bei Lechner auch der Umstand, dass beide Brüder selbst erfolgreiche Rennfahrer waren. Das können nur wenige Teamchefs von sich behaupten. Robert war eine feste Größe in der Formel 3 und zählt den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring zu seinen Erfolgen. Walter trug sich als jüngster Klassensieger beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans ein. „Dadurch sehen wir immer beide Seiten“, berichtet Robert. „Wir übernehmen die Rolle der Teamchefs, können uns aber auch in die Situation der Fahrer hineinversetzen.“
Sie haben ihren eigenen Cup
Selbst an den Rennwochenenden bleibt es familiär. Nur zehn Mitarbeiter betreuen den Einsatz der drei Cup-Autos vor Ort. Die beeindruckende Statistik von insgesamt 78 Rennsiegen spricht für sich. Weil man sich schon so lange auf Porsche-Markenpokale konzentriert, haben sich die Mitglieder des Teams zu Spezialisten entwickelt. Sie sind sozusagen die Cup-Flüsterer. In 23 Jahren im Supercup und mit zwischenzeitlichen Einsätzen im Carrera Cup Deutschland gingen bereits mehr als 15.000 Michelin-Reifen durch ihre Hände. Ein Detail, das den großen Erfahrungsschatz verdeutlicht. „So etwas hilft uns natürlich“, sagt Walter, „aber auch Erkenntnisse darüber, wie sich etwa der Grip auf der Strecke im Verlauf des Wochenendes entwickelt. Bei einem Setup, das bei einem Test erarbeitet wird, ist das etwas ganz anderes als an einem Formel-1-Wochenende, an dem sich extrem viel Grip aufbaut.“ Robert ergänzt: „Die wichtigste Komponente ist immer der Mensch.“ Damit meint er: Vom Fahrer des Teamtrucks über den Mechaniker bis hin zum Rennpiloten müssen alle zusammenspielen.
Das Geheimnis von Lechner Racing
Am Ende aber führt alles wieder zurück nach Thalgau. In die makellos weiße Halle, in der die pinken Cup-Elfer stehen. In eine Werkstatt, in der Perfektion gelebt – und jeder per Handschlag begrüßt wird. Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Lechner Racing: Hier ist Motorsport auf höchstem Niveau nie nur Geschäft, sondern immer auch Familie.
Info
Text erstmals erschienen im Christophorus Magazin, Ausgabe 419.
Text: Bianca Leppert
Bilder: Dirk Bruniecki, Lechner Racing
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