„Innovationen an der Leistungsgrenze entwickeln“

Dr. Florian Bach verantwortet das Thema Nachhaltigkeit bei Porsche Motorsport. Im Interview spricht er darüber, wie sich Innovation, Verantwortung und Rennsport miteinander verbinden lassen und welchen Beitrag sie für die Weiterentwicklung von Fahrzeugen und Technologien leisten können.

Florian, was brachte dich zu Porsche und woher kommt deine Begeisterung für Nachhaltigkeit und Motorsport?

Dr. Florian Bach: Ich war über sechs Jahre bei einem anderen deutschen Automobilhersteller im Werksmotorsport tätig. In dieser Zeit durfte ich mich ab 2014 in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC unter anderem in Le Mans mit Porsche als Wettbewerber messen und kam erstmals intensiver mit dem Thema Nachhaltigkeit im Motorsport in Berührung. Zehn Jahre später habe ich schließlich die Verantwortung für die Nachhaltigkeitsstrategie bei Porsche Motorsport übernommen.

Damit hat sich für mich ein kleiner Traum erfüllt. Porsche verfügt mit zahlreichen Gesamtsiegen in Le Mans und dem aktuellen Engagement in vier internationalen Rennserien über eine einzigartige Motorsport-Historie und eine globale Präsenz im Profi- und Kundensport. Diese sich daraus ergebende Strahlkraft treibt mich täglich an, denn sie ist eine Chance für die Weiterentwicklung des Motorsports bei Porsche. Mich begeistert daher bis heute die Verbindung von Höchstleistung und Innovation, mit dem Anspruch, Ressourcen möglichst effizient einzusetzen.

Motorsport und Nachhaltigkeit wirken auf den ersten Blick konträr. Wie passen diese beiden Themen für dich zusammen?

Bach: Für mich sind Motorsport und Nachhaltigkeit kein Widerspruch. Motorsport war schon immer ein Katalysator für Innovationen, weil neue Technologien unter extremen Bedingungen schneller entwickelt und erprobt werden können. Unser Anspruch ist es, diese Entwicklungen voranzutreiben und ihre Umweltauswirkungen zu reduzieren. Dabei spielen neben unserer eigenen Überzeugung auch externe Anforderungen eine wichtige Rolle, etwa die Nachhaltigkeits-Akkreditierung des Weltmotorsportverbands FIA, die in verschiedenen Rennserien mittlerweile Voraussetzung für die Teilnahme ist. Der Wandel von gesellschaftlichen Erwartungen macht sich auch im Motorsport bemerkbar. Unsere Kundenanalysen zeigen ein wachsendes Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen. Gleichzeitig sehen wir darin die Chance, die Glaubwürdigkeit des Porsche Motorsports langfristig zu stärken und uns durch innovative Ansätze positiv zu differenzieren.

Was ist aus deiner Sicht der besondere Hebel des Motorsports, wenn es um Innovationen im Nachhaltigkeitskontext geht?

Bach: Der Motorsport arbeitet permanent an der Leistungsgrenze. Dadurch können neue Technologien und Materialien unter realen Extrembedingungen getestet und erprobt werden. Für Porsche als Sportwagenschmiede bietet das die Chance, wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Fahrzeugentwicklungen zu gewinnen. Hierfür arbeiten wir sehr eng mit zahlreichen Bereichen innerhalb und außerhalb von Porsche zusammen. Beispielsweise vertreten wir Porsche in der „FIA Sport Environment & Sustainability Commission“ und können die Nachhaltigkeitsstrategie der FIA markenübergreifend mitgestalten. Besonders wichtig ist für mich daher die enge Verbindung zwischen Motorsport und Serie – in Entwicklungsmethodik und Technologien. Beide Seiten können voneinander lernen und profitieren.

Wo zeigt sich diese Verbindung von Motorsport und Serie ganz konkret am Fahrzeug?

Bach: Unsere elektrischen Serienfahrzeuge profitieren beispielsweise direkt von Technologie-Ersteinsätzen und Erprobungen im Werksmotorsport. So konnten wir im Porsche 99X Electric die Öl-Direktkühlung des Elektromotors und eine Rekuperations-, und Ladeleistung von bis zu 600 kW unter Rennbedingungen testen. Damit schaffen wir die Möglichkeit diese Technologien auch bezüglich höchsten Anforderungen in unsere Serienfahrzeuge zu übertragen. Auch in weiteren Fahrzeugprojekten wurden Innovationen aus dem Motorsport in die Serie übertragen. Dazu zählen Optimierungen des Motors durch die Vorkammerzündung, die Abgasenergierückgewinnung sowie verbesserte Kühlkonzepte für Fahrwerk und Hochvoltsysteme.

Dr. Florian Bach, Projektleiter Nachhaltigkeitsstrategie Motorsport und Technische Konformität, Perspektive Nachhaltigkeit, 2026, Porsche AG
Dr. Florian Bach

Neben Antriebs- und Performance-Technologien spielen auch Materialien eine immer größere Rolle. Welche Innovationen verfolgt Porsche Motorsport in diesem Bereich?

Bach: Mit dem Einsatz rezyklierter Karbonfasern in 21 Karosseriebauteilen des aktuellen Cup-Fahrzeugs und der Verwendung von eFuels in den aktuellen Porsche Mobil 1 Supercup-Fahrzeugen treiben wir die Entwicklung nachhaltigerer Technologien kontinuierlich voran. Die rezyklierten Karbonfasern stammen aus Produktionsverschnitten des 911 GT3 RS und werden zusammen mit einem biobasierten Harzsystem zu neuen Bauteilen wie Heckflügel, Tür oder Heckklappe verarbeitet. So konnten CO₂-Emissionen in der Herstellung reduziert und Ressourcen geschont werden.

Welche weiteren Materialkonzepte stehen derzeit im Fokus?

Bach: Ein vielversprechendes Beispiel sind Naturfaser-Verbundwerkstoffe. Beim neuen 911 GT4 R, der ab der Motorsportsaison 2027 eingesetzt wird, werden daraus bereits Bauteile wie Türen, Heckflügel, Motorabdeckung sowie Teile des Cockpits gefertigt. Aufgrund ihrer natürlichen Rohstoffbasis, ihres geringeren Gewichts und ihrer vorteilhaften CO₂-Bilanz bieten sie im Vergleich zu herkömmlichen Materialien großes ökologisches Potenzial und können wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Anwendungen im Motorsport und in der Serie liefern.

Der Fokus auf ökologisch nachhaltigere Materialien beschränkt sich dabei nicht allein auf die Fahrzeuge. Gemeinsam mit Michelin setzen wir bereits Rennreifen ein, die zu mehr als 50 Prozent aus biobasierten und recycelten Materialien wie Kiefernharz und recycelten Altreifen bestehen.

Dr. Florian Bach, Projektleiter Nachhaltigkeitsstrategie Motorsport und Technische Konformität, Perspektive Nachhaltigkeit, 2026, Porsche AG

Gibt es Projekte oder Maßnahmen, die abseits der Fahrzeuge aufzeigen, wie Nachhaltigkeit bei Porsche Motorsport umgesetzt wird?

Bach: Nachhaltigkeit betrachten wir ganzheitlich – von Infrastruktur und Produkt bis hin zu Veranstaltungen. Auch bei der Reduzierung von Emissionen an unserem Standort in Weissach setzen wir konkrete Maßnahmen um: Unsere Lkw-Flotte fährt ab Weissach mit dem erneuerbaren Kraftstoff HVO100, zusätzlich ist seit 2026 eine vollelektrische Zugmaschine im Einsatz. Darüber hinaus haben wir unsere Logistikprozesse weiter optimiert, um Ressourcen zu schonen und Abfälle zu reduzieren. Auch im gesellschaftlichen Bereich engagieren wir uns, beispielsweise über „Racing for Charity“, mit dem wir bereits zahlreiche Kilometer in konkrete Unterstützung für soziale Projekte umwandeln konnten.

Auch das Thema Daten und Bilanzierung spielt in der Nachhaltigkeit eine immer wichtigere Rolle – auch im Motorsport?

Bach: Ein wichtiger Baustein ist dabei die Schaffung belastbarer Datengrundlagen, um Maßnahmen gezielt bewerten und weiterentwickeln zu können. So haben wir beispielsweise eine Lebenszyklusanalyse des Porsche 911 GT3 Cup durchgeführt, um wesentliche Emissions-Hotspots zu identifizieren und die Wirkung einzelner Maßnahmen belastbar zu bewerten. Transparenz ist für mich ebenso ein entscheidender Schlüssel erfolgreicher Nachhaltigkeitsarbeit, denn nur wenn wir wissen, wo die wesentlichen Einflussfaktoren liegen, können wir gezielt Verbesserungen ableiten. Daher ist ein wichtiges Projekt aktuell die Anwendung eines Bilanzierungstools zur Weiterentwicklung unserer CO₂-Quantifizierung.

Eine abschließende Frage: Was begeistert dich persönlich besonders an deinem Job und was möchtest du künftig erreichen?

Bach: Besonders begeistert mich die Vielfalt der Themen und die enge Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen im Unternehmen. Insbesondere durch verschiedene Perspektiven und offenen Austausch entstehen die spannendsten Diskussionen und Ideen.

Mein Ziel ist es, Nachhaltigkeit noch stärker und langfristig im Motorsport zu verankern. Das erfordert Teamarbeit, Offenheit für neue Ansätze und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Gleichzeitig bietet es die Chance, Innovationen voranzutreiben und den Motorsport weiterzuentwickeln. Vielleicht liegt darin auch eine besondere Parallele zum Motorsport: In beiden Fällen geht es darum, sich kontinuierlich zu verbessern. Im Motorsport sucht man ständig nach dem nächsten Zehntel – mit demselben Antrieb, Leistung, Effizienz und Qualität immer weiter zu steigern.

Info

In der Interviewreihe „Perspektive Nachhaltigkeit“ erzählen Porsche-Mitarbeiter von ihren fachspezifischen Themengebieten. Das Interview mit Dr. Florian Bach ist Teil 21 der Serie.

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Verbrauchsangaben

  • 911 GT3 RS (WLTP)*: Kraftstoffverbrauch kombiniert: 13,2 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 299 g/km; CO₂-Klasse: G